Neobiota – „Äffchen am Angelgewässer?“

Angler sind naturverbunden und genießen die schönen Stunden, die sie an den heimischen Gewässern in wunderbarer Natur verbringen. Nicht immer zählt von daher der Fangerfolg zu den besonderen Erlebnissen bei der Ausübung dieses Hobbys. Vielfach sind es die besonderen Augenblicke inmitten schöner Natur, bei denen viele verschiedene Tier- und Pflanzenarten beobachtet werden können. Durch den Ausbau und die Begradigung sind heutzutage zwar nur noch die wenigsten Bäche und Flüsse völlig naturbelassen. Dennoch finden sich hier zahlreiche heimische Tier- und Pflanzenarten. Auch an den künstlichen Wasserstraßen, den Schifffahrtskanälen, oder an Ausgrabungsgewässern, den Baggerseen, finden sich verschiedene Lebewesen, die den Angler zu einem Naturbeobachter werden lassen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind jetzt an ihrem bevorzugten Angelplatz und plötzlich erkennen Sie bei einem Blick längs der Uferböschung ein Äffchen, das auf einer gewachsenen Bananenstaude sitzt und sich diese Früchte schmecken lässt. Nachdem Sie sich davon überzeugt haben, dass sie gerade nicht träumen, sondern tatsächlich den Affen und die Bananenpflanze vor sich haben, würden Sie es wahrscheinlich immer noch für eine Illusion halten. Denn wie, um Himmels willen, sollte ein derart exotisches Tier auf einer derart exotischen Pflanze plötzlich hier her an Ihr Gewässer kommen?

Grundel, eine invasive Kleinfischart; Foto: B. HeitmannVielleicht halten Sie diese Vorstellung immer noch für völlig irreal, aber wenn es vielleicht auch nicht Äffchen und Bananenstaude wie in diesem Beispiel sind, begegnen wir heutzutage einer Vielzahl von exotischen Tieren und Pflanzen, die an unseren heimischen Gewässern hier natürlicherweise nicht vorkommen. Diese Pflanzen und Tiere sind vielleicht klein und unscheinbar, so dass wir sie nicht direkt wahrnehmen oder wir haben uns an deren Anblick schon so gewöhnt, dass sie für uns das Exotische verloren haben und wir sie schon zu unserer heimischen Natur dazuzählen.

Die Pflanzen und Tiere, von denen hier die Rede ist, werden Neobiota genannt. Definiert wird der Begriff Neobiota wie folgt: Neobiota bezeichnet gebietsfremde biologische Arten, die einen geographischen Raum infolge direkter oder indirekter menschlicher Mitwirkung besiedeln, den sie ohne menschlichen Einfluss nicht hätten erreichen können.

Es geht hier also um Tier- und Pflanzenarten, die durch den Menschen in neue und von ihnen vorher unerreichbare Lebensräume eingeführt wurden und die in diesem neuen Lebensraum überlebensfähig sind. Die Verbreitung von Tier- und Pflanzenarten über große Distanzen ist nicht ganz neu. Bereits seit der Entwicklung des Ackerbaus und der Viehzucht in der Jungsteinzeit vor etwa 7.000 Jahren transportiert der Mensch Pflanzen- und Tierarten in für diese bis dahin fremde Regionen. Vor allem aber mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 durch Columbus und dem daraus resultierenden Anstieg des Warenverkehrs beschleunigte sich das „Exportieren“ fremder Arten erheblich. Dies veranlasste die Wissenschaft, ab dieser Zeit von Neobiota zu sprechen. Neobiota setzt sich aus den griechischen Wörtern neos  für „neu“ und  bios für „Leben“ zusammen. Neobiota kann also vereinfacht mit „Neues Leben“ übersetzt werden, allerdings immer in Verbindung mit dem Menschen, der für die Neubesiedlung direkt oder indirekt verantwortlich ist.

Bevor wir nun zu diversen Beispielen kommen, müssen wir noch kurz einige weitere Begriffe in diesem Zusammenhang erläutern.
Mit dem Begriff Neobiota sind sowohl Pflanzen- und Tierarten gemeint, er stellt den Oberbegriff dar. Alle vor 1492 durch den Menschen eingeführten Tier und Pflanzenarten werden als Archäobiota bezeichnet. Der Karpfen wird z.B. zu den Archiäobiota gezählt, er wurde deutlich vor 1492 in Europa eingeführt.  
Wenn Tierarten im speziellen gemeint sind, spricht die Wissenschaft von Neozoen. Die Neozoen zeichnen sich durch bestimmte Eigenschaften aus, die es ihnen ermöglichen, sich in einem neuen Lebensraum dauerhaft zu etablieren.  Eine hohe Reproduktionsleistung stellt eine ausreichend hohe Nachkommenschaft für die Weiterverbreitung sicher. Ein geringer Anspruch an seinen Lebensraum und eine geringe Störanfälligkeit ermöglichen den eingeschleppten Arten, viele Lebensräume zu besiedeln.
Die Vertreter aus  der Gruppe der Pflanzenarten werden als Neophyten bezeichnet. Sie zeichnen sich  wie die Neozoen ebenfalls durch ein gutes Ausbreitungsvermögen, eine starke vegetative Vermehrungsleistung und ein rasches Wachstum aus und sind somit in der Lage, die verschiedensten Lebensräume für sich einzunehmen.

Neophyten
Im Folgenden stellen wir einige Beispiele für Neophyten vor, die wir mitunter häufig an unseren Gewässern finden können.

Drüsiges Springkraut

Das Drüsige SpringkrautDrüsiges Springkraut (Foto: B. Heitmann) (auch Wupperorchidee genannt) wurde 1839 mit Schiffen aus dem Himalaya (Indien/Kaschmir) nach Europa gebracht. Hintergrund der Einführung war nicht etwa die Nutzung der Pflanze als Viehfutter- oder Arzneipflanze, sondern der Zierwert veranlasste die Einführer, diese Pflanze nach Europa zu bringen. Kurz nach der Einführung des Drüsigen Springkrautes als Gartenzierpflanze in England waren bereits erste wild vorkommende Pflanzen zu beobachten, und so dauerte es nicht lange, bis sich diese Pflanze in nahezu ganz Europa ausgebreitet hatte. Das sich stark ausbreitende Drüsige Springkraut kann die einheimische Vegetation von ihren natürlichen Standorten verdrängen und stellt eine ernstzunehmende Gefahr für diese dar. Allerdings stirbt sie beim ersten Frost vollständig ab, die Samen der Pflanzen überstehen den Frost jedoch sehr gut. Die Pflanze muss daher Jahr für Jahr im Frühjahr neu auskeimen, um sich zu behaupten. Hier setzt auch ein möglicher Bekämpfungsansatz an. Zur Bekämpfung müssen die einzelnen Pflanzen vor der Samenreife von Hand ausgerissen oder knapp über Bodenhöhe geschnitten werden. Dies ist dort sinnvoll, wo sich die Pflanze erst neu angesiedelt und sich noch keine großen Bestände gebildet haben oder wo die Verdrängung seltener einheimischer Pflanzen droht. Eine vollständige Bekämpfung ist aber nahezu unmöglich.

Japanischer StaudenknöterichJapanischer Staudenknöterich (Foto: B. Heitmann)

Der Japanische Staudenknöterich wurde 1825 als Zier- und Viehfutterpflanze aus Ostasien (China, Japan) mit dem Schiff nach Europa gebracht. Er war zudem als Deckungspflanze für Rotwild und Fasan gedacht. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Pflanze dafür auf Grund des Blattfalls im Winter nicht geeignet ist. Der Japan-Knöterich verbreitet sich vornehmlich durch unterirdischer vegetative Pflanzenteile (Rhizome). Die Verbreitung über Blüten und Samen ist hingegen eher unbedeutend. Aufgrund seiner ausgeprägten Wuchskraft setzt er sich gegenüber der heimischen Flora durch und unterdrückt ihre Entwicklung. Dadurch wurde sie als problematische Invasionspflanze eingestuft. Das Ausreißen der Wurzelstränge aus dem Boden ist aufgrund der großen Brüchigkeit kaum praktikabel. Lediglich ein kontinuierliches und vollständiges Ausgraben der unterirdischen Wurzelrhizome kann einen Bestand reduzieren.

Riesen BärenklauRiesen Bärenklau (Foto: B. Heitmann)

Der Riesen Bärenklau, auch als Herkulesstaude bekannt, stammt ursprünglich aus dem Kaukasus. Anfang des 19. Jahrhunderts kam er nach Europa. Der Legende nach hatte der russische Zar Alexander I. Samen als Geschenk an Fürst Metternich zum Wiener Kongress 1815 im Gepäck. Dieser ließ die Pflanze als Zierpflanze anbauen. Ende des 19. Jahrhunderts war sie dann in vielen Teilen Europas in Gärten und Parks anzutreffen und breitete sich mit den Samen über Wind und Wasser in der freien Landschaft aus. Problematisch ist diese Pflanze vor allem aufgrund ihrer Inhaltsstoffe, die bei Hautkontakt und anschließender Lichteinwirkung (Sonnenlicht) Hautentzündungen und Reizungen hervorrufen. Eine Beseitigung der Pflanze ist daher auch nur mit vollständiger Schutzkleidung durchzuführen! Vor der Samenreife ist die Pflanze vollständig auszugraben und zu verbrennen. Eine Nachkontrolle im Folgejahr auf neu auskeimende Pflanzen ist notwendig, um einen Bestand dauerhaft zu reduzieren.

Neozoen
Viele Tierarten, die wir an unseren Gewässern beobachten können, sind Neozoen, also Tiere, die mit Hilfe des Menschen erst unsere heimischen Lebensräume besiedeln konnten. Auch hier möchten wir einige Beispiele vorstellen.

Chinesische WollhandkrabbeWollhandkrabbe (Foto: B. Heitmann)

Die Chinesische Wollhandkrabbe wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Ostchina nach Europa eingeschleppt. Man geht davon aus, dass die Tiere als blinde Passagiere in Ballasttanks von Handelsschiffen nach Europa gereist sind. Mit dem Ablassen des Ballastwassers in den Häfen gelangten sie in die Flüsse. Vor allem in den Mündungsflüssen der Nordsee haben sich die Tiere fest etabliert und erschließen mit beachtlichem Tempo stromaufwärts liegende Gewässerbereiche. Sie stellen eine Bedrohung für die europäische Fließgewässerfauna dar, weil sie hier kaum natürliche Feinde haben und sich deshalb ungehemmt vermehren können. Zudem treten sie als Allesfresser in Nahrungskonkurrenz mit den heimischen Fischarten. Eine Bekämpfung oder eine weitere Ausbreitungsverhinderung scheint nicht mehr möglich zu sein.

Sonnenbarsch

Das natürliche Verbreitungsgebiet des Sonnenbarsches liegt in Großteilen Nordamerikas. Er wurde 1877 in Europa eingeführt. Der Sonnenbarsch hat Bedeutung als Laich- und Jungfischräuber, wenn er in größeren Beständen auftritt. Er tritt in Konkurrenz zu einheimischen Arten um Nahrung und Lebensraum, einheimische Arten können verdrängt werden. Ältere Tiere ernähren sich teilweise bevorzugt von Schnecken/Muscheln und können eine Beeinträchtigung dieser Gruppe darstellen.

Bisamratte

Die Bisamratte ist wohl eine der bekanntesten Neozoen. Der ehemals nur in Nordamerika beheimatete Bisam wurde erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts als Jagdtier nach Europa gebracht. Von Tschechien breitete sich der Nager weiter aus. Um 1930 flohen zudem etwa 500 Bisamratten aus einer Zuchtanlage in Frankreich. Weitere Freilassungen führten schließlich zu einer nahezu vollständigen Ausbreitung in Europa. Die europäischen Länder erkannten schnell, dass der Eindringling negative Auswirkungen auf die heimischen Lebensräume hatte und versuchten, mit Ausrottungsmaßnahmen eine weitere Verbreitung zu verhindern. Dies gelang nicht, und heutzutage gibt es Wissenschaftler, die die Bisamratte unter bestimmten Umständen als durchaus nützlich für die heimischen Lebensräume ansehen, z.B. dadurch, dass die Wühltätigkeit der Bisamratten im Uferbereich von Flüssen dafür sorgt, dass die ursprüngliche Strukturvielfalt und Fließdynamik wiederhergestellt wird.

Weitere Neozoen sind: Regenbogenforelle, Kamberkrebs, Signalkrebs

Kann man oder sollte man etwas gegen Neobiota tun?

Gebietsfremde Arten haben negative Auswirkungen, denn heimische Arten mit einem kleineren Verbreitungsgebiet werden in der Regel bedroht. Sterben sie durch die Ausbreitung dieser neuen invarsiven Arten aus, nimmt die heimsiche Artenvielfalt ab. Jede neue Art muss daher genau beobachtet und untersucht werden, um die Auswirkungen auf das heimische Ökosystem festzustellen. Dabei wird das Ökosystem nicht unweigerlich durch jeden eingeführten Organismus geschädigt. Nur wenn ökologische, ökonomische oder medizinische Probleme zu erwarten sind, sollte der Menschen eingreifen und die neue Art daran hindern sich zu etablieren.

Bei vielen bereits eingebürgerten Arten ist aber eine Bekämpfung kaum noch möglich, da sie sich zum Teil schon so stark ausgebreitet haben, dass sie sich nicht mehr eindämmen lassen. Wenn neu auftretende invasive Arten entdeckt werden, können negative Auswirkungen für das Ökosystem durch die rechtzeitige Bekämpfung noch gemildert werden. Die Ausrottung einer invasiven Art ist oft die kostengünstigste, umweltfreundlichste und zudem sicherste Methode, heimische Ökosysteme und Arten zu erhalten. Letztlich ist die Invasion von Arten aber unvermeidlich, sie kann nur durch geeignete Maßnahmen eingeschränkt und in einigen Fällen verzögert werden.

Vielleicht sehen Sie also in Zukunft an ihrem Lieblingsangelplatz doch noch das Äffchen auf der Bananenstaude…