Der Fund ist schon über ein Jahr her, jetzt kristallisiert sich dessen Bedeutung heraus. Im Oktober 2007 entdeckte man bei Baggerarbeiten am Oberlauf der Dinkel, die der Angelsportverein (ASV) Nienborg gegen die wuchernden Seerosen durchführen ließ, im Flussbett mehrere alte Holzpfähle. Die rund 25 mal 25 Zentimeter dicken und zwei Meter langen, unten zugespitzten Eichenstämme steckten etwa auf der Höhe des Hohen Hauses, etwas nördlich des unter der Dinkel hindurch geführten Ablaufes des ehemaligen Burggrabens als Gründung senkrecht im Flussbett. Bernd Hoge und Benedikt Heitmann vom ASV war sofort klar, dass es sich hierbei womöglich um sehr alte Fundstücke handeln könnte.

thumb_stammSie nahmen deshalb Kontakt mit dem Historiker Josef Wermert auf, der als Kenner der Nienborger Ortsgeschichte gilt und Mitherausgeber des Standardwerks „Heek und Nienborg – eine Geschichte der Gemeinde Heek“ (1998) ist. Mit dem Grabungstechniker Michael Esmyrol von der Außenstelle Münster der LWL-Archäologie für Westfalen wurde ein weiterer Experte hinzugezogen, der sich im Oktober 2007 den Historienfund vor Ort genauer ansah. Zwei der drei entdeckten Stämme wurden geborgen und Proben an das Labor für Dendrochronologie des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln geschickt. Untersuchungsgrundlage war dabei das Zählen der Jahresringe des Stammes, um das Fälldatum und somit das Alter der Bäume zu bestimmen. Mit diesem Wissen könnte sich eventuell auch die Funktion der Eichenstämme klären lassen.

Rund ein Jahr hat es gedauert, bis das Ergebnis aus Köln vorlag. In der Zwischenzeit wurde viel spekuliert, z.B. dass es sich um Überreste einer alten Mühle, einer Brücke oder einer Uferbefestigung handeln könnte. Das Fälldatum der Eichenstämme wurde in Köln auf das Jahr 1611 (+/- 5 Jahre) datiert.

thumb_kartekleinBei umfangreichen Recherchen zur Geschichte der Burg Nienborg fiel Wermert immer wieder der in den Quellen genannte, augenscheinlich mit der Fischereigerechtigkeit der Burgmänner in Zusammenhang stehende Begriff „Pand“ auf, der sich allerdings weder aus dem Hochdeutschen noch dem Niederdeutschen erklären ließ.  In Archivalien über die Nienborger Fischereigerechtigkeit wird der Bereich in der Dinkel vor dem Nienborger Mühlenstau nachweislich zwischen 1654 und 1791 mehrfach als „Pand“ bezeichnet, er bildete also einen fest umgrenzten Bezirk, in dem die Burgmänner – innerhalb der Fischerei des münsterischen Bischofs - zu fischen berechtigt waren. Begrenzt wurde der Bereich flussabwärts vom Stau der Wassermühle. Stromaufwärts waren die Grenzen bisher nicht bekannt.

Wermert gelang es jetzt, dem Begriff „Pand“ in einem aktuellen niederländischen Lexikon auf die Spur zu kommen. „Pand: stuk vaart of kanaal tussen twee sluizen“, heißt es dort. Ein Pand bezeichnet demnach in den Niederlanden noch heute einen Abschnitt in einem Fluss/Kanal zwischen zwei Schleusen. Dass in Nienborg im 17./18. Jahrhundert ein wasserbautechnischer Ausdruck aus den benachbarten Niederlanden verwandt wurde, ist nach Wermert nicht verwunderlich, zumal die Mühlenfachleute damals zumeist auch aus Holland kamen. „Es muss demnach vor der Nienborger Mühle tatsächlich eine weitere Schleuse gegeben haben“, ist sich Wermert sicher, und „die Eichenbalken scheinen ein Relikt dieser bislang unbekannten Schleusenanlage zu sein.“ Die Funktion der Schleuse bestand sicher darin, über den hier ehedem in die Dinkel einlaufenden Burggraben den Wasserstand in den Gräben um Burg und Stadt Nienborg zu regulieren. Um 1611 hat man wohl eine ältere Schleuse oder Teile davon erneuert, denn ein solches Stauwerk war für das Verteidigungssystem der Landesburg schon Jahrhunderte zuvor von großer Bedeutung.

Autoren: B. Heitmann, J. Wermert
Karte: Nachzeichnung des Urkataster von Nienborg 1827 in: Westfälischer Städteatlas Blatt Nienborg, Tafel 1, Münster 2008